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Guitar-rangbi-rangbi.mp3

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No God (neue Version)

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SÄKULAMA

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Wakeful Larks - Unconceived

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Trumpete

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Small Island

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Holiday no-roast

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From outer space

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Hanging Tree

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Nirvana

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Horribile apparet?

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Beim Dasein angestellt

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Wo Hindu auch gehst_Jemand ist schon da.mp3

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Living beings.wav

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2050

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Du da

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Palitana

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Lapplandloop

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Aus den Seitenfenstern tiefergelegter schwarzer Fahrzeuge

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Juniwetter

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A Day

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Das Kalb

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Aaron Erewhon

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Wiederkehrer

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Angela di Zona Tortona


Angela di Zona Tortona3.wav

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To be or not to be

To be or not to be.wav

Hinzugefügt am 23.4.16

Ich steh' am Grill

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Shakahari (mans nahi khana cahie)

Shakahari.wav

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Waiting Loop (Warteschleife)

Wating loop.wav

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Sailing to God

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Hinzugefügt am 5.4.16

100000 Puten

Puten.wav

Hinzugefügt am 29.3.16

Königstiger

Königstiger.wav

22.3.16

Mother Nature's Son

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21.3.16

Kalb nur halb

kalb nur halb2.wav

16.3.16

Never to have been

Never to have been.wav

(Recorded 14 March 2016)

Refugee

Refugee.wav

(7. März 2016)

Säkulama

Säkulama.wav

(29.2.16)


Exposition.wav

Heute nahm VEGETATION eine Demoversion von Andromeda auf:

Andromeda.wav


[23.2.2016]

Ich kenn' meinen Schlachter

Ich kenn meinen Schlachter.wav


[Hinzugefügt am 21.2.2016]


Warum eigentlich ist die angeblich so rebellische Pop- und Rockmusik häufig ganz gottergeben?

No god6.wav

(Hinzugefügt am 15.2.2016)



Ein Jubilant wünschte sich nichts Materielles und bekam dies zu hören:

Uwe zum 67-16 Bit..wav

(Hinzugefügt am 16.2.2016)




Das Glück für Mensch und Tier wächst quasi vor der eigenen Hautür: die Lupine. Glück für Mensch und Tier, weil Menschen im hochwertigen Eiweiß der schön anzuschauenden Lupinen eine Alternative für das unnötige tierische Eiweiß haben und es somit einmal mehr überflüssig ist, Tiere zu züchten, zu mästen, zu transportieren und zu schlachten.
Hier gibt es ein kleines Loblied auf die Lupine (Demoversion, hinzugefügt am 8.2.16):

Lupine8.2..wav




Da ich hier länger nichts von mir hören ließ, gleich noch dies:

Lounge7.2..wav











David Roberts:
Der Auszug der Israeliten
aus Ägypten
(1830)

Exodus aus dem Sein.
Kurnigs Neo-Nihilismus als buddhistisch säkularisierter Geist des frühen Christentums


„Wann der Mensch verschwinden wird und (genau) wie,
Davon schweigt bis jetzt die Anthropologie.“
(Kurnig)

Ein Atheist empfiehlt uns den fortpflanzungsskeptischen unheiligen Geist des frühen Christentums und legt seine Motivation folgendermaßen dar: „Ich betrachte das Leben des Menschen als etwas in seiner Gesamtheit Unschönes, als ein Unglück. Kein Ungeborener würde es verlangen. Zu einer passiven Rolle, zum bloßen Ansehen des entsetzlichen Elends habe ich mich nicht entschließen können.“ Es handelt sich um einen längst vergessenen Autor, der seinen Neo-Nihilismus unter dem Namen „Kurnig“ formulierte und propagierte – ein Pseudonym, das er gewählt haben mochte, weil er als Arzt seinen Lebensunterhalt verdienen musste. Zwar sei das Christentum zweideutig, da es über „die Verwerflichkeit der Kinderzeugung sich nicht durchweg deutlich genug ausspricht…“ Doch gelte: „Nach Christus würde die Menschheit bald aufhören zu existieren.“ Dann aber trat eine Abkehr vom Geist des ursprünglichen Christentums ein: „Der jüdische optimistische Geist und der Wunsch: Kinder in die Welt zu setzen, dominierten…“ Daher kann Kurnig seinen christlichen Zeitgenossen einen zentralen Befund von David Friedrich Strauß (1808–1874) vorhalten, der in den Jahren 1835-36 sein aufsehenerregendes Werk „Das Leben Jesu, kritisch bearbeitet“ veröffentlicht hatte und der in „Der alte und der neue Glaube“ schrieb: „So müssen wir bekennen: wir sind keine Christen mehr.“ Weil das vor dem Horizont eines baldigen Weltendes pessimistische und fortpflanzungsskeptische Christentum durch das unterschwellige Fortwirken jüdischer Glaubensgehalte längst optimistisch eingefärbt worden sei, gebe es eigentlich keine echten Christen mehr, die gemäß Lukas (20,34f) zu unterschreiben hätten: „Die Kinder dieser Welt freien und lassen sich freien; welche aber gewürdigt werden, jene Welt zu erlangen und die Auferstehung von den Toten, die werden weder freien noch sich freien lassen.“ Auch Paulus weiß: „Die Zeit ist kurz“ und schreibt an die Korinther: „Es ist dem Menschen gut, dass er kein Weib berühre.“ (1. Brief 7,1) Vom fortpflanzungsskeptischen Geist des ursprünglichen Christentums ist in der zutreffenden Diagnose Kurnigs nicht viel übrig. Rief Jesus dazu auf ihm zu folgen und die Familie zurückzulassen oder gar geringzuschätzen, so gilt die Familie längst als christlicher Kernwert. Zwar sei es ganz unmöglich, zu lokalisieren, wo innerhalb der monotheistischen Religionsgeschichte das Judentum aufhört und das Christentum anfängt. Gewiss aber sei, dass das Christentum längst entpessimiert und „zurückjudaisiert“ ist.

Neben dem ursprünglichen Christentum ist der ältere Buddhismus eine Säule des Kurnigschen Neo-Nihilismus, der Folgendes leisten soll: „Der Neo-Nihilismus ist dazu bestimmt, …das Gebiet zu werden der Versöhnung zwischen den nihilistischen Elementen in den Lehren des Buddhaismus und des Christentums einerseits – und dem optimistischen Geiste der Kultur… andererseits.“ Mit seiner Spielart des Pessimismus hätte sich Kurnig in gewisser Hinsicht auch als Optimist ausgeben können. Gegen alles Reden, das Leben sei nun einmal so wie es ist, formuliert er mit größtem Recht: „Der Pessimist gibt es nicht zu, dass die Tragödie des Menschenlebens auf Erden etwas unvermeidliches sei…“
Bei alledem ist die Bezeichnung „Neo-Nihilismus“ etwas unglücklich gewählt, insofern Kurnig selbst über die Nihilisten (und Anarchisten) ausführt, sie seien verglichen mit seiner Lehre geradezu konservativ zu nennen, da sie sich mit Palliativen gesellschaftlicher Veränderungen begnügen. Tatsächlich ließe sich für Kurnig der Satz prägen: Die Kritiker wollten die Gesellschaft immer nur verändern – es kommt aber darauf an, sie aufzuheben. Kurnig denkt die Aufhebung der Gesellschaft als aufklärungsinitiierte und pädagogisch zu begleitende restlose Entvölkerung. Seine Schrift betrachtet er diesbezüglich zugleich als moraltheoretische Fundierung sowie als Propaganda, die sich gegen die „Prokreation“ richtet. Hätte er seine Position unter Rückgriff auf das von ihm bevorzugte Wort „Prokreation“ nicht „Neo-Nihilismus“ genannt, sondern „Antiprokreationismus“, so stünde uns heute in Gestalt dieses Terminus ein Begriff zur Verfügung, der das Gemeinte eindeutiger bezeichnet als der etablierte Ausdruck „Antinatalismus“, der in der Bevölkerungspolitik eine Rolle spielte, bevor er eine Moraltheorie bezeichnete.
Im von Kurnig gebrauchten Wort „Entvölkerung“ schwingen unweigerlich Konnotationen von Krieg oder Krankheit mit. Kurnig ist jedoch Antimilitarist, dem der Krieg als ein fast immer ungesühntes Verbrechen gilt, auf das die Menschen durch eine falsche Erziehung vorbereitet werden: „Der Boden, auf welchem der Völkerkrieg wurzelt und wuchert, ist die Erziehung des Kindes.“ Verwerflicherweise ziehe „man es vor, es von vornherein zum Kriegsmann, zum Verbrecher zu stempeln und für die Kriege, die es, groß geworden, zu führen haben wird, von Anfang an vorzubereiten.“ Das Erziehungswesen sei einerseits im Geiste des Antimilitarismus zu „verweichlichen“, andererseits zur Vorbereitung der Nachkommenlosigkeit zu reformieren.

Erziehung
Vornehmstes Ziel des Kurnigschen Neo-Nihilismus ist unser Exodus aus dem Sein, das Aussterben der Menschheit. Damit es dazu kommt, sei pädagogisch früh anzusetzen: „Eine Ordnung der Dinge auf baldiges Erlöschen berechnet erheischt selbstverständlich andere Gesetze, andere Erziehung.“ Kurnigs pädagogische Grundsätze sind geeignet, mit einem verbreiteten Missverständnis aufzuräumen, nämlich mit der Vorstellung, dass, wer sich gegen die Hervorbringung neuer Menschen ausspricht, etwas gegen Kinder haben müsse. Gegenteilig lesen wir bei Kurnig: „Behandle Kinder sehr rücksichtsvoll, halte die Unmündigkeit in Ehren. Erziehe die Kinder im Geiste der Brüderlichkeit, der friedlichen internationalen Annäherung, der Eintracht: Pflege bei ihnen den Geschmack für das Studium abstrakter Wissenschaften und namentlich der schönen Künste – einzige Mittel, um sie vielleicht…diese erbärmliche Welt, in die der Irrtum oder die Missetat ihrer Erzeuger sie gesetzt hat, etwas vergessen zu lassen.“ Wir können Kurnigs pädagogischen Grundsatz vielleicht so resümieren: Richtig ist es, allen existierenden Kindern eine antimilitaristische und antiprokreationistische Erziehung angedeihen zu lassen. Falsch ist es, den Existenzbeginn von Kindern zu bewirken, um sich sodann daran zu ergötzen, wie sie unter den Erziehungsmaßnahmen gedeihen. Er paraphrasiert: „Ich zeuge dich (sagt so ein Erzieher), um das Vergnügen zu haben, zu sehen, was in dir steckt, und was nicht. Ich bürde dir dadurch allerdings viel Leiden auf, schließlich eine garstige Todeskatastrophe…“

Die Todeskatastrophe

Philosophischerseits wird die Geschichte der Menschheit mitunter als kosmisches Abenteuer vorgestellt, das Dasein des Einzelnen in der Literatur als abenteuerliche Reise. Für Kurnig indes ist „der Tod eines Menschen ein so entsetzlich hässliches Abenteuer…, dass nichts imstande ist, es schön oder weniger hässlich zu machen.“ Und er sagt: „…die Schrecken dieser einen Stunde wären schon hinreichend, dir den Stab über das ganze Leben brechen zu lassen.“ Leider bleibt uns Kurnig nähere Ausführungen dazu schuldig, warum nicht die eine jede Existenz beendende „hässliche Todeskatastrophe“ durch ein erfülltes Leben kompensiert werden kann. – Um dies zu parieren, wäre etwa darauf zu verweisen, dass sterbende Personen derart von den Imperativen ihres versagenden Organismus überwältigt oder in Anspruch genommen sind, dass ihnen kaum psychische oder physische Kräfte bleiben, um in Reminiszenzen zu schwelgen.
Was Kurnig explizit abwehrt, ist ein argumentativer Schachzug, der aus dem „Wunsch, die schlimme Schlusskatastrophe so spät als möglich zu erdulden“, den Schluss zieht, dass das Leben doch schön sein muss. Nein, vielmehr gelte, dass der Schlussakkord als so dissonant antizipiert wird, dass wir für uns selbst nichts davon vernehmen wollen und ihn deshalb immer wieder von uns weisen und hinausschieben wollen. Auch in Todesnähe ums Weiterleben ringende Menschen sind kein Beleg für vorherrschende Lebensbejahung: „In diesem Augenblick bist du vor Schmerzen und Todesangst fast betäubt, die Sinne schwinden dir beinahe – du bist bereit zu gestehen, dass du immer unrecht hattest, wenn du nur leben, leben bleibst…“ Das Weiterlebenwollen um jeden Preis setzt ein, wo die Vernunft der Todesangst weicht, wo das, was den Menschen ausmacht, von den biologischen Radikalen des Körpers überwältigt wird. Derartige Weiterlebenswünsche sind bionom erpresst – nicht autonom, sondern inhuman.

Suizid-Zynismus

Denen, die einem Antiprokreationisten Kurnigscher Prägung entgegenschleudern: Wenn es dir hier bei uns im Sein nicht gefällt, so gehe doch nach Drüben, ins Jenseits!, weiß Kurnig zu entgegnen: „Einmal im Leben willst du die finstere Todeskatastrophe so lange wie möglich verschoben sehen, aber niemals-geboren-werden… wäre dir tausendmal lieber gewesen.“ Von einer Person, die sich den Fortexistenz-Ansprüchen ihres Organismus ausgeliefert im Dasein vorfindet, zu verlangen, sie solle doch den Freitod suchen, wenn sie die Fortexistenz unangenehm findet, ist ein kaum zu überbietender Zynismus. Außerdem gibt es laut Kurnig Wichtiges zu tun, bis der ohnedies unvermeidliche Tod eintritt: die Verbreitung gegen die Prokreation gerichteter Propaganda.

Niegewesensein

Nun übertreibt Kurnig, wenn er sagt, das Niedagewesensein sei jedem von uns 1000 Mal lieber gewesen. Machte er je eine Umfrage unter 1000 Menschen? Und sicherlich weiß er, wie schwierig es ist, über den Schatten der eigenen Existenz zu springen, das heißt: sich selbst als niemals gewesen zu denken, ohne im gleichen zu denken, dass einem selbst dabei etwas entgangen wäre. Kurnig nennt dies die „Hauptsache“: „…das Erwägen eines Niegeborenseins, und dann auch noch seines eigenen Niegeborenseins! Das Fehlen seiner selbsteigenen, hochwichtigen Person auf der Weltbühne, der Stuhl, worauf er sitzt, das Bett, worin er schläft, leer…“ Was dies anbelangt, ähnele der „Durchschnittsmensch“ dem griechisch-römischen, optimistischen Philosophen. – Wobei Kurnig entgeht, dass uns zumal durch die Werke der griechischen Tragiker, und ihr Fortwirken, in Gestalt des „O wär‘ ich nie geboren!“ klassische Niedagewesenseinswünsche überliefert sind und Jakob Burckhardt den alten Griechen sogar pauschal ein pessimistisches Daseinsgefühl attestierte.

Wer uns in Lebensgefahr und Todesgefahr brachte: Das Eltern-Tabu

Mit dem Elterntabu spricht Kurnig einen mächtigen psychologischen Hemmschuh an, der seiner Entvölkerungsmoral entgegensteht: „dass die Liebe, die Ehrfurcht für unsere Eltern uns gebiete, dass wir unser Leben, das wir von Ihnen zum Geschenk erhielten… nicht kritisieren, geschweige denn als ein hässliches Geschenk abzuschütteln suchen…“ Wie argumentiert Kurnig in Anbetracht des mächtigen Eltern-Tabus? Er hält an der einmal eingesehenen antiprokreationistischen Wahrheit fest und verbucht die mit dem Bruch des Eltern-Tabus zu erwartenden Konflikte zwischen Kindern – die das Geschenk des Lebens als Bürde ansehen – und ihren Erzeugern „als ein Hauptteil der uns zugefallenen Leiden“. Eltern empfiehlt er, sich gegen den von ihm (Kurnig) ausgehenden natalistischen Aufruhr zu wappnen: „‘Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um‘, sagt das Sprichwort. Und da sollte einer, der ein Kind zeugt und es dadurch unter anderem auch in Lebensgefahr – besser in Todesgefahr – bringt, lustig und guter Dinge sein?“

Vedischer Widerspruch – Asien als Vorbote restloser Entvölkerung?

Ein Vorbild für seine Moraltheorie findet Kurnig wie gesagt nicht allein im ursprünglichen Christentum, sondern auch in asiatischer Religiosität. In diesem Zusammenhang wähnt er sogar, in den Buddhisten und Hindus die Vorboten einer künftigen Entvölkerung der Erde begrüßen zu dürfen. In seiner Replik auf eine Rezension im „Pionier“ vom 22. September 1897 schreibt er: „… die großen Mehrheiten der Erdbewohner huldigen dem Pessimismus der sanften Entvölkerung unseres Erdballs.“ Hier begeht Kurnig den Kardinalfehler, nicht zwischen zölibatär lebenden hinduistischen Priestern oder buddhistischen Mönchen einerseits und ihren Laienanhängern andererseits zu unterscheiden, die selten darauf bedacht sind, auf Nachkommen zu verzichten. Überdies registriert Kurnig an anderer Stelle, was wir den Vedischen Widerspruch nennen können. Fern davon, einem Verebben der Menschheit zu huldigen, folgen Buddhisten und Anhänger hinduistischer Religionen der von Kurnig als problematisch herausgestellten Maxime: „Zeuge ein Kind, damit es von diesem Sein erlöst sein möge, - mit anderen Worten, man soll etwas tun, - um es ungetan zu machen.“ In der Tat hätte ein Buddhist, der an keine einheitliche Seelensubstanz glaubt, Schwierigkeiten, gegen Kurnigs Ironie etwas vorzubringen. Ein seelengläubiger Hindu könnte etwa antworten: Zwar sind die sich fortzeugenden Eltern dafür verantwortlich, dass ein Mensch dem Tode verfällt, aber ohne menschlichen Leib kann seine Seele nicht das Heil finden.

Gegenargumente

Gegen unseren Exodus aus dem Sein legt sich Kurnig eine beachtliche Serie von Einwänden vor:
1. Man könnte überlegen: Niemand hat hinter den Vorhang geschaut, der das Wesen der Entwicklung des Weltganzen verbirgt. Demnach wäre die Entvölkerung bis auf Weiteres zu verschieben, weil wir das Weltganze erst noch besser verstehen müssten. Nun habe die Wissenschaft aber den Vorhang bereits gelüftet und nichts Perpetuierungswürdiges gefunden.
2. Man dürfe dem Herrgott nicht ins Handwerk pfuschen – was aber einen Glauben voraussetzt, in dem Kurnig nicht steht. Anders als Hans Jonas, der als philosophischer Theologe formulieren sollte, wir dürften Gott nicht im Stich lassen.
3. Einen Aspekt der später so genannten „Tiefenökologie“ nimmt folgende Hypothese vorweg: „die Natur brauchte als integrierenden Teil ihres Wesens die Menschen…“ Kurnig nennt die Perpetuierung des Leidens um eines imaginären Natur-Systems willen, als dessen integraler Bestandteil der Mensch zu fungieren hätte, unmoralisch- sündhaft.
4. In einer von Kurnigs zahlreichen Repliken auf Rezensionen lesen wir: „Ref. meint, dass ich zum Beweise des Satzes, dass im Leben das Leiden den Genuss überwiegt, nichts anführe. Er übersieht, dass ich die Erfahrung persönlich gemacht habe (und mache) – genügt ihm das nicht?“ Kurnig übersieht, dass er vom eigenen Daseinsgefühl nicht auf dasjenige anderer schließen kann und man niemanden – um es plakativ zu sagen – zur Einsicht ins eigene objektive Unglück zwingen kann. Heute bestätigt uns die Kognitionspsychologie, dass oftmals kognitive Verzerrungen die Eltern unserer Überzeugungen sind. Ein Beispiel für eine derartige kognitive Verzerrung ist eine systematische Fehlbewertung, die Eduard von Hartmann seinerzeit „Erinnerungsbrille“ taufte: Hierbei handelt es sich um einen psychischen Mechanismus, der bewirkt, dass die resümierende Erinnerung negative Ereignisse der Vergangenheit in ein besseres Licht stellt. Das Gegebensein der von der Kognitionspsychologie bestätigten Hartmannschen Erinnerungsbrille ist geeignet, den grassierenden Optimismus als eine – unwillkürliche – Selbsttäuschung durch unsere psychische Konstitution zu entlarven. – Was für die Bewertung von Kurnigs Antiprokreationsmus von höchster Bedeutung ist. Sagt er doch: „Die eigentliche Triebfeder, die überall das Menschenleben im Gange hält, ist der Optimismus.“

Kurnigs Stellung

Ein Autor, so Kurnig über sich selbst, der die christlichen und buddhistischen Grundlehren weiter ausbaut, wird „nach Kräften totgeschwiegen werden.“ Diese Prophezeiung hat sich erfüllt. Nicht zuletzt dadurch, dass es sich bei „Kurnig“ offenbar um ein Pseudonym handelt. Während seine Schriften seinerzeit in zahlreichen Rezensionen besprochen wurden, ist er heute bis vielleicht auf eine Erwähnung in Jean-Claude Wolfs Buch „Eduard von Hartmann. Ein Philosoph der Gründerzeit“ aus der kulturellen Überlieferung getilgt. Er verdient Besseres: Denn wir können in ihm den Ahnvater eines säkularen Antinatalismus erblicken, der, anders als der tendenzielle Antinatalismus Schopenhauers, ohne Willensmetaphysik auskommt. Eine Anlehnung an Schopenhauers Willenslehre findet sich bei Kurnig nur mehr dem Wortlaut nach, indem bei ihm der „blinde Wille“ nur noch dem Fortpflanzungstrieb, dem Weiterlebenswunsch sowie dem mechanisch-bewusstlosen Entstehungsgrund des Weltganzen entspricht. Auf diese Weise antizipiert Kurnig einen modern zu nennenden Antinatalismus, dessen Achsenzeit in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts liegt: Im französischen Sprachraum repräsentiert durch Texte zumal von Philippe Annaba (der vor dem Aufkommen des moraltheoretischen Antinatalismus von Antiprocréationnisme spricht) und Théophile de Giraud; auf Englisch in Gestalt von Arbeiten der Autoren Herrmann Vetter, David Benatar, Jim Crawford, Thomas Ligotti oder Sarah Perry; in den Einzugsgebieten des Spanischen und Portugiesischen durch Autoren wie Julio Cabrera und Rafael Tages Melo; in deutscher Sprache durch Texte von Günter Bleibohm oder Nicole Huber.
In Kurnig gilt es einen Denker zu würdigen, der geraume Zeit vor den oben genannten die Willensmetaphysik Schopenhauers hinter sich ließ – in deren Bann stehend der zwar anthropofugale Eduard v. Hartmann den Antinatalismus explizit verwarf!, da der Urgrund, das fortbestehende Unbewusste auf dem Wege der Evolution doch wieder einen menschlichen Typus hervorbringen würde. Anders Kurnig, dem der Durchburch zu einem wegweisenden säkularen Antinatalismus gelang: „Der einzig mögliche Fortschritt des Ganzen liegt auf dem Wege der Einstellung der Kinderzeugung – wie gesagt, der sanften Entvölkerung unseres Erdballs. Alles, was einer sanften möglichst raschen und definitiven Entvölkerung zu Gute kommt, muss befürwortet werden. Das wird die Moral der Zukunft sein.“

Kurnigs Textsammlung „Der Neo-Nihilismus. Anti-Militarismus – Sexualleben (Ende der Menschheit)“ erschien 1903 in zweiter vermehrter Auflage (inklusive Repliken auf zahlreiche Rezensionen) im Verlag von Max Sängewald (Leipzig).
[Hinzugefügt am 1. Juni 2015]


Houellebecqs Unterwerfung: Der Eintritt des Menschen in die selbstgewählte Unmündigkeit

Der israelische Ministerpräsident lädt französische Bürger jüdischen Glaubens nachdrücklich zur Emigration nach Israel ein und Houellebecq ist sein Prophet. Für alles findet sich im Roman „Unterwerfung“ nach den Wahlen zur französischen Nationalversammlung im Jahr 2022 eine Lösung. Nicht für die französischen Juden. Jedes neue Aufflammen von Gewalt im Niemandsland der Großstädte – hier wurde eine Frau genötigt, ihren Schleier zu lüften, dort eine Moschee geschändet – spült weitere Stimmzettel in die Urnen des von Marine Le Pen geführten Front National. Um einen Sieg der Rechtsextremen zu verhindern, gehen die Sozialisten nach der Wahl eine Koalition mit der islamischen Brüderschaft ein, die fortan den Ministerpräsidenten stellt.

In Interviews benennt Houellebecq das Kardinalproblem, für das „Unterwerfung“ eine Lösung anbieten soll: Ohne Religion ist eine Gesellschaft nicht funktionsfähig. Detailprobleme werden im Laufe dieses gehobenen sozialphilosophischen Unterhaltungsromans durch eine freiwillige Unterwerfung der einzelnen Personen und Institutionen unter den Islam gelöst. Der Wert dieses Buches besteht darin, ein solches Szenario für alle lesbar und wirklichkeitsnah durchzuspielen.

Warum gerade der Islam und nicht etwa der christliche oder jüdische Monotheismus? Dies, so erfährt der Leser aus manchen interessanten Dialogen, liegt nicht etwa daran, dass der Islam „besser“ wäre als das Christentum oder Judentum, sondern sei darauf zurückzuführen, dass sich das Christentum in der von Houellebecq vorgetragenen Diagnose erschöpft hat und nicht mehr in der Lage sei, den Durst nach Sinn und Orientierung zu stillen. Die einst von der christlichen Religion konstituierte Zivilisation gilt als ausgebrannt. Zeit, dass der jüngere und frischere Bruder übernimmt. Als seinen geschichtsphilosophischen Gewährsmann bemüht Houellebecq an einer Stelle des Romans den britischen Universalhistoriker Arnold Toynbee (1889–1975). In Houellebecqs Darstellung werden Kulturen nicht von außen „umgebracht“, vielmehr begehen sie Selbstmord. Doch hatte Toynbee anderes im Sinn als Houellebecq: Einen Prozess geistiger Erleuchtung, eine zunehmende Spiritualisierung der gesamten Menschheit, mit dem Christentum als Wegweiser an der Spitze aller Hochreligionen. Bei Toynbee und Houellebecq erscheint das Religiöse als das Nährgeflecht, über das eine Gesellschaft sich erhält. Das Versiegen des Religiösen hingegen führe in einen problematischen humanistischen Atheismus. Diesen – nicht etwa das Judentum oder Christentum – stellt Houellebecq in „Unterwerfung“ als den Feind des Islam vor. Im Übrigen erledige sich das Problem des humanistischen Atheismus in der islamisch werdenden französischen Republik von selbst, da die Anhänger monotheistischer Religionen mehr Nachkommen hervorbringen als nichtreligiöse Menschen (vgl. Religion und Demografie: http://tabularasa-jena.de/artikel/artikel_5648/). Insbesondere gelte dies für die moslemische Bevölkerung.

Betrachten wir kurz die Verteilung der Ressorts nach den Wahlen 2022: Die moslemische Brüderschaft konzediert den Linken mehr als die Hälfte aller Ministerien, darunter das Finanz- und das Innenministerium. Weder auf dem Gebiet der Wirtschaftspolitik noch in der Fiskalpolitik gibt es irgendwelche Differenzen. Ebenso wenig im Bereich der inneren Sicherheit: Im Gegensatz zu ihren sozialistischen Partnern verfügen die regierenden Moslems – konstatiert Houellebecq süffisant – über die nötigen Mittel, diese zu gewährleisten. Ein wenig Uneinigkeit besteht im Bereich Außenpolitik, da die Moslempartei eine entschiedenere Verurteilung Israels fordert, welche ihr die Linken ohne Weiteres zugestehen.

Unverzichtbar für die Moslempartei ist die Oberhoheit über die Bereiche Demografie und Bildung: Wirtschaft und Geopolitik seien demgegenüber nichts als Augenwischerei. Worauf es ankommt, ist die Hegemonie über die Kinder. Wer die Kinder kontrolliere, habe die Zukunft in der Hand. Jedes Kind soll daher ab der Einschulung von einer islamischen Bildung „profitieren“ können. Über alles andere lässt die Moslempartei folglich mit sich reden.

Französische Juden
Die Vorhaben der islamischen Brüderschaft hat in Houellebecqs Roman nichts mit dem islamischen Fundamentalismus zu tun. Zwar sehen sich die französischen Christen nach einer islamischen Machtübernahme formell auf den Status von Dhimmis (Schutzbefohlenen) reduziert, gewissermaßen Staatsbürger zweiter Klasse. Aber die Prinzipien des Islam seien großzügig und die Praxis der Dhimma überaus elastisch: In Saudi Arabien werde das islamische Völkerrecht ganz anders ausgelegt als in Marokko oder Indonesien. Die französischen Christen jedenfalls dürfen darauf rechnen ihr bisheriges Leben weitgehend ungestört fortführen zu können. Es komme es nur noch darauf an, einen einzigen Schritt weiter zu gehen und zum Islam zu konvertieren.

Man fragt sich: Wo bleiben hier die Juden? Müssen auch sie nur noch einen kleinen Schritt aus ihrer Buchreligion tun, um im Islam anzukommen? Wir lesen „Für die Juden ist es natürlich etwas komplizierter. Theoretisch ist es prinzipiell das Gleiche, das Judentum ist eine Buchreligion.“ In der Praxis sehe es jedoch anders aus. In moslemischen Ländern gestalteten sich die Beziehungen mit den Juden häufig schwieriger als mit den Christen. Überhaupt seien die Beziehungen durch den Palästina-Konflikt vergiftet. Am Ende bleibe den französischen Juden wohl nur die Emigration nach Israel. Also genau das, wozu der israelische Ministerpräsident die französischen Juden in diesen Tagen gezielt einlädt. Houellebecq lässt die Schwierigkeiten jüdischen Lebens an der Universität beginnen, an der irgendwann eine jüdische Studentenvertretung fehlt, und der Literaturprofessor Francois, Hauptfigur des Romans, sieht sich plötzlich allein gelassen, weil seine studentische Geliebte mit ihren Eltern nach Israel auswandert.

Die Hauptperson Francois
Beim Ich-Erzähler und Universitätsprofessor haben wir es mit einem Misanthropen zu tun. In seinem misanthropischen Bekenntnis interessiert ihn die Menschheit nicht, sie widert ihn sogar an, dies gilt auch für seine Landsleute und Kollegen. Dabei weiß er sehr wohl, dass es sich bei diesen Menschen um Seinesgleichen handelt – aber genau diese Ähnlichkeit ist es, die ihn ihre Nähe fliehen lässt. In einem mikroskopischen Bereich der Gelehrsamkeit indes hat sich der Professor einen gewissen Respekt unter Kollegen verschafft. Er ist Experte für den französischen Schriftsteller Joris-Karl Huysmans (1848–1907), der in späteren Lebensjahren zum Katholizismus konvertieren sollte und auf dessen Biografie Houellebecq immer wieder Bezug nimmt. Als Huysmans-Forscher kann Francois niemand so leicht das Wasser reichen. Zugleich aber wähnt er sich am Ende aller Tage, was die Vitalsphäre seines Daseins angeht. Seinen Körper beschreibt der 44-Jährige als Sitz diverser schmerzhafter Leiden und fragt sich, wie es mit 50 oder 60 Jahren um ihn bestellt sein möge. Sein Leben resümiert er, werde dann nur mehr ein Nebeneinander kompostierender Organe sein, eine unaufhörliche Qual, trostlos und ohne Freude. Auch für den Protagonisten des Romans bietet der Islam zumindest Teillösungen.

Houellebecq deutet eine Zeitenwende an, indem er antlitzlose entrepublikanisierte Studentinnen in Burka selbstbewusster und langsamer als sonst die Korridore der Fakultät in Dreierreihe defilieren lässt. Für Francois verheißt dies mittelfristig nichts Gutes. Die frisch islamisierte Universität entlässt ihn, den Nicht-Moslem, der ohnedies schon lange nichts mehr publiziert hatte, belässt ihm aber sein ordentliches Gehalt als Pension. Nun ist Houellebecq jedoch nicht ausgezogen, den Islam als Problem zu schildern, sondern als Lösung. Der Gipfel menschlichen Glücks, scheint er vermitteln zu wollen, liege womöglich in einer restlosen Unterwerfung unter etwas Höheres, im Idealfall unter das Höchste, konkret: den Gott des Islam und seine Gesetze. Während im Christentum Satan Herr dieser Welt sei, gilt die Schöpfung der islamischen Schwesterreligion als ein perfektes Meisterwerk – der Koran sei im Grunde nichts anderes als ein immenses mystisches Loblied auf den Schöpfer und die Unterwerfung unter seine Vorschriften.

Auch für den Literaturprofessor bieten die Gesetze des Islam nach der Abreise seiner jüdischen studentischen Freundin gen Israel eine Problemlösung, für die an der Universität bis zum Jahr 2022 das Machtgefälle zwischen Professoren und Studentinnen à la „Campus“ von Dietrich Schwanitz sorgte: die Polygamie im Austausch gegen einen Übertritt zum Islam. Als Kapazität auf dem Gebiet der Huysmans-Forschung, erfährt er von einem Gönner, habe er auf circa drei Frauen Anspruch.

Nach anfänglichen Krawallen und bürgerkriegsähnlichen Zuständen vollzieht sich Frankreichs Unterwerfung unter den Islam in der Darstellung Houellebecqs übrigens freiwillig und friedlich. Anlässlich einer Reise nach Brüssel im Zuge von Huysmans-Recherchen – eine Stadt, deren Schmutz und Tristesse ihn frappieren – gewinnt Francois allerdings den Eindruck, dass sie mehr als jede andere europäische Hauptstadt am Rande eines Bürgerkriegs steht.

Humor und Satire
Menschen tun zumeist das, was die anderen machen. Ist ein bestimmter Schwellenwert erst einmal überschritten, könnte es vielen ganz unvermittelt unproblematisch scheinen, sich rasch mit neuen Essenssitten, Kleidungssitten und Bildungssitten arrangieren zu müssen und ein neues Regime anzunehmen, auch wenn dieses sich in allen Poren des gesellschaftlichen Seins breitmacht. Plötzlich ist es für viele Menschen ganz selbstverständlich oder bequemer, halal (von der islamischen Partei zum neuen „Bio“ deklariert) und verschleiert zu leben statt aufgeklärt. In der Tat muss man die soziologischen Satiren und den Humor würdigen, den Houellebecq an den Tag legt und seinem Buch eingeschrieben hat. So findet sich eine Ausführung über eine Autofahrt an einem Sonntagmorgen. Es seien deshalb nur wenige Leute unterwegs, weil der Sonntagmorgen der Augenblick ist, in dem die Gesellschaft durchatmet und herunterfährt, wo ihre Mitglieder sich der kurzen Illusion hingeben, ein individuelles Leben zu führen. Wie es vielleicht auch jene Person tut, die im Roman dadurch charakterisiert wird, dass sie die Gastronomie nicht auf die leichte Schulter nimmt. Humor auch in einer beiläufigen Kritik der immer kleiner werdenden Gepäckablagen in den Schnellzügen der französischen SNCF, was die Reisenden nötigt, die Gänge mit ihren Koffern zu blockieren, sodass der Protagonist zum Zugrestaurant 20 Minuten benötigt, um dort zu erfahren, dass die meisten Speisen nicht mehr erhältlich sind und er sich mit einem Quinoa-Basilikum-Salat sowie einem italienischen Mineralwasser zufriedengeben muss. Anspielungen auch auf das verwaltete Leben, das eine fast permanente Präsenz zu Hause erfordere, um bei den Anfragen der Behörden auf dem Laufenden zu bleiben. Insgesamt ist der Westen einfach zu kompliziert.

Humor und Satire im Einzelfall täuschen indes nicht darüber hinweg, dass wir es hier offenbar mit einem Autor zu tun haben, der nicht nur von der sinnstiftenden Kraft, sondern auch von der staatstragenden Funktion des Religiösen überzeugt ist und der vielleicht bereit wäre, die laizistische Verfassung Frankreichs zu unterminieren, um gewissen Problemen zu steuern.

Die von Houellebecq unaufdringlich vorgestellte bis nahegelegte selbstgewählte Unterwerfung unter einen bestandserhaltenden Islam ist unter aller Würde, da sie Menschen und insbesondere Frauen auf sich vermehrende Lebewesen mit aufgebrochenem Sinnbedarf reduziert. An einer Stelle des Romans kommuniziert Houellebecq offenbar mit dem humanistischen Atheisten Sartre, dessen Existenzialismus jeden Einzelnen zur Freiheit verurteilt sieht und zur Rechtfertigung seines Daseins auffordert: „Inwiefern bedarf ein Leben der Rechtfertigung? Die Gesamtheit der Tiere und die überwältigende Mehrheit der Menschen leben, ohne jemals auch nur das geringste Bedürfnis nach einer Rechtfertigung zu verspüren.“ Und anlässlich einer gepflegten Unterhaltung wird dem Protagonisten erläutert, was der Islam mit Nietzsche gemein hat: Er akzeptiert die Welt wie sie ist. Mit ihm verglichen erscheinen Buddhismus und Christentum völlig verweichlicht. Spricht hier ein islamisch gefärbter Sozialdarwinismus zu uns?

Eine ganz andere Lösung skizzierte ausgerechnet der Autor im Roman: Karl-Joris Huysmans (1848–1907), und zwar in seinem Buch „Gegen den Strich“. Es ist an uns, davon absehen, Menschen zum oftmals entwürdigenden Kampf um Sinn und Dasein zu verurteilen, wozu wir den größten Beitrag leisten, indem wir keine hervorbringen:

„Jetzt schlugen sich die Jungen. Sie entrissen sich Stücke Brot, die sie sich in die Backen stopften, wobei sie sich die Finger ableckten. […] das Interesse, das er an dem Kampf nahm, wendete seine Gedanken von seinem Übel ab; bei der Erbitterung der Bengel dachte er an das grausame Gesetz vom Kampf ums Dasein, und obgleich diese Jungen nur aus niedrigem Stande waren, konnte er sich doch nicht erwehren, sich für ihr Los zu interessieren und zu glauben, dass es besser für sie gewesen wäre, wenn ihre Mütter sie nicht in die Welt gesetzt hätten.
‚Welcher Wahnsinn,‘ dachte der Herzog, ‚Kinder zu zeugen!‘“


Michel Houellebecq
Soumission
Flammarion 2015

Deutsch:
Unterwerfung
DuMont Buchverlag 2015
[Hinzugefügt am 25. Februar 2015]


Eduard von Hartmann und die Kommunikation mit Außerirdischen

Wenn intelligente Bewohner ferner Planeten ähnlich geartet sind wie wir Menschen, dann ist es vielleicht besser, wenn sie uns nicht zu nahe kommen. Denn war es nicht häufig so, dass kriegstechnisch überlegene Zivilisationen über schwächere herfielen, sie versklavten und ihre Rohstoffe raubten? Da mit jedem weiteren entdeckten Planeten die Wahrscheinlichkeit steigt, dass es anderswo im Weltall technisch überlegene Zivilisationen gibt, sollten wir uns vielleicht davor hüten, auf uns aufmerksam zu machen und besser keine intelligenten Signale in die Tiefen des Alls senden, die beutegierige Weltraumpiraten anlocken könnten. Ein entsprechendes Projekt ist gegenwärtig umstritten. Es lautet METI, was für Messaging to Extraterrestrial Intelligence steht (siehe: http://www.heise.de/newsticker/meldung/SETI-Institut-Streit-um-systematische-Nachrichten-ins-Weltall-2550289.html). Ein populärer Fürsprecher strikter Zurückhaltung in Sachen interstellarer Mitteilungsbedürftigkeit ist etwa der Astrophysiker Stephen Hawking. 2010 sprach er folgende Warnung aus: Sollten Außerirdische uns jemals besuchen, so würde dieses Ereignis in etwa der Landung von Christoph Columbus in Amerika vergleichbar sein, was für die Indianer bekanntlich verheerende Folgen hatte.

In einem ganz anderen geistigen Orbit bewegte sich diesbezüglich der heute wenig gelesene bis viel geschmähte, aber hiermit empfohlene Philosoph Eduard von Hartmann (1842–1906). Statt Angst vor ETI zu verbreiten, stellt er als früher Theoretiker interstellarer Kommunikation grundstürzende Überlegungen an. Allem Geozentrismus und Anthropozentrismus fern, zeichnen sich seine Gedanken zu intelligenten Bewohnern ferner Planeten durch Zweierlei aus: Zum einen bestechen sie durch ihre visionäre Kühnheit, da sie Erwägungen moderner Astrobiologie vorwegnehmen. Zum anderen sind sie mit der Grundfrage unseres Daseins verwoben, der Frage nämlich, ob unser von Nöten strukturiertes Dasein eigentlich zumutbar ist und fortgesetzt werden soll. Diese Frage beantwortet Hartmann im Geiste Schopenhauers mit einem klaren Nein. Was für Hartmann in seiner Philosophie des Unbewussten von 1869 indes nicht in Frage kommt, ist ein heute vernünftig scheinender schlichter und unmetaphysischer Antinatalismus (siehe: http://www.tabularasa-jena.de/artikel/artikel_5496/): „Was hälfe es z.B., wenn die ganze Menschheit durch geschlechtliche Enthaltsamkeit allmählich ausstürbe, die Welt als solche bestände ja doch weiter und befände sich in keiner wesentlich andern Lage als unmittelbar vor der Entstehung des ersten Menschen auf Erden; ja sogar das Unbewusste würde die nächste Gelegenheit benutzen müssen, einen neuen Menschen oder einen ähnlichen Typus zu schaffen, und der ganze Jammer ginge von vorne an.“

Im Unterschied zu Schopenhauer glaubt Hartmann an einen Fortschritt und geschichtlichen Lernprozess der Menschheit. Irgendwann könnte diese in der Lage sein, den Willen zum Dasein auf Verabredung kollektiv zu verneinen. Hartmann schwebt eine menschheitliche Willensverneinung vor, die alles andere sein soll als ein Massenselbstmord der Menschheit. Auf dem Boden seiner Metaphysik werde vielmehr eine restlose Aufhebung der Welt zuwege gebracht, „wenn die negative Seite des Wollens in der Menschheit die Summe alles übrigen in der organischen und unorganischen Welt sich objektivierenden Willens überwiegt.“ Das Universum würde sodann mit einem Schlage verschwinden. Als praktische Bedingung hierfür nennt Hartmann „eine genügende Kommunikation unter der Erdbevölkerung, um einen gleichzeitigen gemeinsamen Entschluss derselben zu gestatten. In diesem Punkte, dessen Erfüllung nur von Vervollkommnung und geschickterer Anwendung technischer Erfindungen abhängt, hat die Phantasie freien Spielraum.“ Tatsächlich hat die Wirklichkeit von Internet und Mobiltelefonen die Phantasie offenbar schon eingeholt.

Eine nähere Voraussetzung für die Realisierung einer kollektiven Weltaufhebung ist nun wie angedeutet, dass eine Willensmajorität hinter dem Entschluss zum Weltende steht. Man ahnt es vielleicht: An dieser Stelle verlässt Hartmann mit einer nach Lichtjahren sich bemessenden Umsicht unsere Erde und unser Sonnensystem und berücksichtigt etwaige andere bewohnte Welten. Und auch diesmal ist sein technologischer Optimismus schier grenzenlos:

„In dem Augenblick, wo es uns gelingen würde, bewusste Geister auf andern Schauplätzen erfahrungsmäßig zu konstatieren, würden dieselben Mittel, welche zu dieser Feststellung geführt haben, vermutlich auch hinreichen, eine Verbindung der Menschheit mit diesen planetarischen Geistern zu eröffnen, durch welche unsre geistige Aktionssphäre über die Erde hinaus erweitert würde.“ […] Was „eine gemeinsame Aktion der geistigen Bewohner verschiedener Himmelskörper“ angeht, „so können wir mit Sicherheit darauf rechnen, dass zur rechten Zeit, d.h. wenn beide Theile die Reife für die geistige Kommunikation und deren fruchtbringende Ausnutzung erreicht haben werden, die Verbindung auch entdeckt und hergestellt werden wird.“

Wie wahrscheinlich ist es nun für Hartmann, dass Lichtjahre entfernt andere intelligente Wesen „gleichzeitig“ mit uns existieren, mit denen wir zwecks Herbeiführung des All-Endes in Kommunikation treten müssten? Auch hier ist seine Antwort erstaunlich modern:

„Wenn man auf die große Zahl der Fixsterne hingewiesen hat, um aus ihr eine gewisse Wahrscheinlichkeit für die gleichzeitige Existenz anderer Schauplätze des geistigen Lebens neben dem unsrigen abzuleiten, so hat man dabei übersehen, dass die kolossalen Zeiträume in den kosmischen Entwicklungsprozessen dem zeitweiligen Zusammentreffen gleicher Phasen wieder ebenso viel an Wahrscheinlichkeit rauben, als die große Zahl der Fixsterne ihm zu gewähren scheint.“ „Wenn das bewusste Geistesleben viele Schauplätze im Weltgebäude hat, so ist es doch höchst wahrscheinlich, dass es auf denselben nicht gleichzeitig anzutreffen ist, sondern über dieselben hin wandert, vielleicht mit längeren zeitlichen Zwischenpausen.“

Vor dem Hintergrund dieser Ausführungen zeigt sich Hartmann skeptisch, was die Notwendigkeit angeht, mit den Bewohnern anderer Welten zu kommunizieren, um einen Zeitpunkt für die willensverneinende Aufhebung der Welt zu verabreden: „Die siderischen Entwickelungen messen nach so ungeheuren Zeiträumen, dass es schon a priori etwas sehr Unwahrscheinliches hat, wenn das Bestehen einer hochorganisierten Gattung auf einem anderen Gestirn gerade mit der Dauer der Menschheit auf Erden zusammenfallen sollte.“ Vermutlich werde es im Weltall niemals gleichzeitig existierende Zivilisationen geben, die sich zu verabreden hätten. Ähnliche Überlegungen wie diese sollten später von Vertretern der Astrobiologie vorgebracht werden. Doch mit seiner Skepsis bezüglich der „Gleichzeitigkeit“ unterschiedlicher Zivilisationen im Weltall hat Hartmann noch auf andere Weise Recht, als er seinerzeit wohl ahnen konnte. Denn seine Theorie interstellaren kommunikativen Handelns zur Selbstaufhebung von Allem und Jedem beansprucht eine Absolutheit physikalischer Gleichzeitigkeit, von deren einstweiliger Unmöglichkeit zur Zeit der Fertigstellung seiner Philosophie des Unbewussten 1869 nichts bekannt war. Erst Einsteins spezielle Relativitätstheorie von 1905 erwies mit der Begrenztheit der Lichtgeschwindigkeit und damit allen Informationsaustauschs die Unmöglichkeit einer für alle Zivilisationen im Weltall geltenden Gleichzeitigkeit, zu der man sich zwecks konzertierter Willensverneinung und Weltaufhebung hätte ins Einvernehmen setzen können.

Ist wegen der Endlichkeit der Lichtgeschwindigkeit auch die Angst unbegründet, mit unvorsichtigerweise ausgesendeten Signalen extraterrestrische Piraten anzulocken? Soll diese Angst fundiert sein, bedarf es offenbar einer überlichtschnellen Weltraumfahrt oder sonstigen Transportmöglichkeit. Ist also Stephen Hawkings Furcht vor ETI ein indirekter Beweis dafür, dass er eine Technik nicht ausschließt, die Reisen schneller als das Licht ermöglicht?Wie dem auch sei, uns bleibt die von Hartmann begründete Hoffnung, dass wir tatsächlich allein im All sind und sich das von uns auf der Erde gebotene Schauspiel anderswo nicht wiederholt hat.
[Hinzugefügt am 21.2.15]







Macke:
Markt
in Algier
(1914)



Bürger moslemischen Glaubens, Koran und Islam: Wer gehört zu Deutschland?


Einst gehörte der Islam zu Spanien. Vielleicht sollte man besser sagen: Von der Eroberung durch moslemische Heere vom Jahr 711 an bis zum Ende der Reconquista im Jahr 1492 gehörte Spanien zum Islam. Gestatten wir uns die rhetorische Frage, ob Deutschland zum Islam gehört. Offenkundig ist dies nicht der Fall. Weder wurde Deutschland jemals von islamischen Truppen erobert, noch gibt es derzeit in Deutschland eine hinreichend große oder historisch verwurzelte moslemische Bevölkerung oder Herrschaftsverhältnisse, die eine solche Behauptung auch nur ansatzweise rechtfertigen würden.

Spätestens seitdem sich im Rahmen des Anwerbeabkommens zwischen der BRD und der Türkei Anfang der 1960er Jahre zahlreiche Türken moslemischen Glaubens in Deutschland niederließen und mittlerweile teils in vierter Generation im Land leben, ist jedoch unbestreitbar, dass diese als deutsche Bürger moslemischen Glaubens zu Deutschland gehören. Auch wenn Millionen Moslems in Deutschland leben und damit zu Deutschland gehören, bedeutet dies nicht, dass der Islam zu Deutschland gehört. Das arabische Wort „Islam“ besagt soviel wie „Unterwerfung“ (des Menschen unter Gott). Wobei es um eine Unterwerfung am Leitfaden des Koran als der textlichen Grundlage des Islam handelt. Wohlgemerkt um eine Unterwerfung „des Menschen“ und nicht bloß um eine selbstgewählte oder überlieferte Unterwerfung ausschließlich der Gläubigen.

Wer sagt, der Islam gehöre zu Deutschland, kommt nicht umhin, zu sagen, dass auch der Koran zu Deutschland gehört. Denn es ist der Koran, der den Islam konstituiert. Dass aber der Koran zu Deutschland gehört, kann nur meinen, wer ihn nicht kennt oder wer sich damit abfinden und es anderen zumuten würde, in einem Gottesstaat zu leben. Lesen wir diesbezüglich selektiv nach: „Wer aber den Gesandten Gottes kränkt, denen soll sein schmerzliche Strafe.“ (Sure 9, 62)
Wer diese Koransure zitiert, bekommt unweigerlich von vielen wohlmeinenden Menschen mitgeteilt, Übersetzungen seien stets Interpretationssache. Wie aber ist dann erklärlich, dass diese und weitere problematische Koransuren über Jahrzehnte hinweg recht ähnlich ins Deutsche und in andere europäische Sprachen übersetzt wurden? Wer sagt, diese Koransure, gehöre zu Deutschland, sagt, dass es zum Leben in Deutschland gehört, dass sich bedroht fühlen muss, wer auf bestimmte Weise vom Recht auf freie Meinungsäußerung Gebrauch macht. Die Problematik dieser und anderer Suren und damit eine folgeträchtige koranische Weichenstellung tritt eklatant hervor, wenn wir ihr eine Stelle aus dem Lukas-Evangelium an die Seite stellen: „Und wer da redet ein Wort wider des Menschen Sohn, dem soll es vergeben werden…“ (Lukas 12,19) Wer legt fest, wann eine Kränkung des Gesandten Gottes stattgefunden hat und wann nicht? Solange die oben zitierte Kränkungssure von maßgeblichen Geistlichen und Wissenschaftlern – etwa der Akademie für islamische Untersuchungen in Kairo – nicht vernehmbar in ihren historischen Kontext gestellt und damit in ihrer wortwörtlichen Geltung zurückgenommen ist, sollte niemand verkünden, dass der Islam zu Deutschland gehört. Dies gilt für etliche weitere Suren, nachstehend einige wenige Beispiele:

„Siehe, der Lohn derer, welche Gott und Seinen Gesandten befehden und Verderben auf der Erde betreiben, ist nur der, dass sie getötet oder gekreuzigt oder an Händen und Füßen wechselseitig verstümmelt oder aus dem Lande vertrieben werden. Das ist ihr Lohn hienieden, und im Jenseits wird ihnen schmerzliche Strafe.“ (5,33)
„O ihr, die ihr glaubt, nehmt euch nicht die Juden und Christen zu Freunden.“ (5,51)
„Wahrlich, du wirst finden, dass unter allen Menschen die Juden und die, welche Allah Götter zur Seite stellen, den Gläubigen am meisten feind sind…“ (5,85)
„Siehe, schlimmer als das Vieh sind bei Gott die Ungläubigen…“ (8,55)
„Und es sprechen die Juden: ‚Uzair ist Gottes Sohn.‘ Und es sprechen die Nazarener: ‚Der Messias ist Gottes Sohn.‘ Solches ist das Wort ihres Mundes. Sie führen ähnliche Reden wie die Ungläubigen von zuvor. Gott schlag sie tot! Wie sind sie verstandeslos!“ (9,30)
„Sie [die Gläubigen] sollen kämpfen in Gottes Weg und töten und getötet werden.“ (9, 111)
„Er ist’s, der Seinen Gesandten mit der Leitung und der Religion der Wahrheit entsandt hat, um sie über jede andre Religion siegreich zu machen…“ (61, 9)
„Und kämpfet wider sie, bis kein Bürgerkrieg mehr ist und bis alles an Gott glaubt.“ (8,39) „Glaubet an Gott und an Seinen Gesandten und eifert in Gottes Weg mit Gut und Blut.“
(61, 11. Alle Koranzitate nach der Reclam-Ausgabe von 1991. „Allah“ wurde hier durchweg gegen „Gott ausgetauscht.)

In Anbetracht dieser und vergleichbarer Suren von den in Deutschland lebenden Moslems zu fordern, sie sollten sich davon distanzieren, wäre unsinnig. Denn eine große Anzahl hiesiger Moslems zeigt sich Gott ebenso wenig unterworfen wie die große Mehrheit der hier lebenden Christen gottesfürchtig ist. Zu fordern ist hingegen, dass sich maßgebliche Geistliche und Gelehrte von Kairo bis Köln in kritischer Beschäftigung mit dem Koran öffentlich von diesen und vielen anderen Suren distanzieren. Tun sie dies, entziehen sie zugleich dem islamistischen Terrorismus ein wesentliches Fundament, da er den Koran als Vehikel für seine Untaten benutzen kann. Nach wie vor wähnen Terroristen – und man lässt sie offenbar gewähren –, sich auf den Koran als das unverfälschte Wort Gottes berufen zu müssen oder zu dürfen. Unter welchen Umständen ließe sich sagen, dass der Islam zu Deutschland gehört? Folgende Antwort auf diese Frage scheint paradox: Der Islam gehört vielleicht dann zu Deutschland, wenn seine Textgrundlage hinreichend kritisiert worden ist und nachdem ausgiebig der Frage nachgegangen wurde, inwiefern er nicht zu Deutschland gehört. So wie etwa Einvernehmen darüber besteht, dass das Alte Testament in Gestalt seines Tötungsgebots im Falle von Blasphemie: „Wer des HERRN Namen lästert, der soll des Todes sterben“ (3. Buch Mose 24,16), nicht zu Deutschland gehört. Der Islam wird vielleicht dann zu Deutschland gehören, wenn es eine typisch deutsche Verarbeitungs- und Vermittlungsform des Koran gibt und wenn aus ihm das Leben bereichernde Säkularisierungen hervorgegangen sein werden. Auch wenn Millionen Moslems in Deutschland leben und zu Deutschland gehören, kann der Islam derzeit nicht als Teil Deutschlands angesehen werden, weil der Koran als Basis des Islam noch nicht in die Kultur Deutschlands hineingearbeitet wurde. Ansätze dafür gibt es freilich. Ein Beispiel ist der Münsteraner Islamwissenschaftler Sven Kalisch, ehedem Inhaber eines Lehrstuhls für islamische Theologie. Nachdem Kalisch unter anderem die – umstrittene – These ausgesprochen hatte, die historische Existenz Mohammeds lasse sich weder beweisen noch widerlegen, wurde sein Lehrstuhl umbenannt in „Geistesgeschichte im Vorderen Orient in nachantiker Zeit“. Zumindest von außen gesehen ist dieser Vorgang ein weiterer Beleg dafür, dass der Islam noch nicht zu Deutschland gehört. Ein anderes Beispiel ist ein Forscher, der im Koran Elemente christlicher Liturgie entdeckte und der seine wissenschaftliche Textkritik am Koran unter dem Pseudonym Christoph Luxenberg publizieren muss. Der Islam mag dann in Deutschland und Europa angekommen sein, wenn ungültig geworden ist, was Boualem Sansal in seinem Buch „Allahs Narren“ (frz.: Gouverner au nom d’Allah“) beim Namen nannte: Man darf in Europa alles kritisieren und sich dabei jeglicher Formen bis hin zur Satire und Parodie bedienen – das Einzige ,was man nicht kritisieren darf, sind der Islam und sein Prophet, nicht einmal in bester Absicht.
[Hinzugefügt am 2. Februar 2015]



Tiere und Treblinka
In seiner Erzählung The Letter Writer schreibt Isaac Bashevis Singer über die Tiere: „Mit Bezug auf sie sind alle Menschen Nazis; für die Tiere ist es ein ewiges Treblinka.“ (The Collected Stories, New York 1996, S. 271) Vergleiche wie dieser oder „Für die Tiere ist jeden Tag Auschwitz“ hinken in zumindest einer Hinsicht, da die massenweise Vernichtung von Menschen in den Lagern der Nazis in erster Linie von einer Ideologie der Verachtung getragen war. „Nutztiere“ werden indes weniger verachtet als vielmehr ohne Rücksicht auf ihre Bedürfnisse und ihre Schmerzen ausgebeutet. Auf einer imaginären Werteskala galten die massenweise vernichteten Menschen als Unwerte, als zu beseitigende Negativposten, während man jedem einzelnen geschlachteten Huhn zumindest einen marginalen monetären Wert beimisst. Im Falle der Tiere geht es nicht darum, eine Rasse oder eine Art bis zum letzten Exemplar auszurotten. Auch aus diesem Grund ist für die Tiere nicht „jeden Tag Auschwitz“.

Eine Fiktion: Im Jahr 1942 beschließt die Führung des „Dritten Reichs“, KZ-Häftlinge zur Herstellung von Konsumgütern einzusetzen. Die Produkte werden mit Kennzeichen versehen: „Hergestellt im KZ Treblinka“ oder „Produziert im KZ Auschwitz“. Um das reichsdeutsche Volk „hart“ zu machen, beschließt die Führungsriege, die Bevölkerung über die Existenzbedingungen der KZ-Häftlinge zu informieren. Man verteilt Bildmaterial und Berichte und zeigt Filme. Kurz darauf gibt es kaum einen Erwachsenen, der behaupten könnte, er habe nicht gewusst, was ihm zum Kauf angeboten wird.

Anders als in obiger Fiktion versuchten die Nazis, die von ihnen begangenen Untaten zu kaschieren, zu verstecken, damit niemand davon erführe. Und sie waren sich sicher, dass dies gelingen würde. In seinem Buch „Die Untergegangenen und die Geretteten“ erwähnt der ehemalige KZ-Häftling Primo Levi (1919–1987) die Ängste von Mithäftlingen, man werde ihnen das Erlebte später nicht glauben, und er zitiert Simon Wiesenthals Wiedergabe höhnischer Bemerkungen von SS-Soldaten: „Wie immer dieser Krieg ausgeht, den Krieg gegen Euch haben wir gewonnen; niemand von Euch wird übrigbleiben, um Zeugnis abzulegen. Doch selbst wenn jemand entkommen sollte, wird ihm die Welt keinen Glauben schenken…, denn zusammen mit Euch vernichten wir die Beweise. Und sollte doch ein Beweis verbleiben und einer unter Euch überleben, so werden die Leute sagen, dass die von Euch berichteten Dinge zu monströs sind, um glaubwürdig zu sein. … Sie werden uns glauben, nicht Euch. Wir sind es, die die Geschichte der Lager schreiben werden.“ (I sommersi e i salvati, Turin 1986, S. 3)

Allen Bemühungen zum Trotz, drang die Wahrheit über die Konzentrationslager nach außen. Von den monströsen Details erfuhr das Gros der Zivilbevölkerung erst nach dem Ende des „Dritten Reichs“. Aber stellen wir uns vor, es wäre anders gewesen, nämlich so wie in obiger Fiktion: Gibt es irgendeinen Zweifel daran, dass eine über das in den KZ herrschende Entsetzen informierte Zivilbevölkerung sofort aufgehört haben würde, mit „Hergestellt im KZ Treblinka“ oder „Produziert im KZ Auschwitz“ gekennzeichnete Waren zu kaufen? Ist es nicht ganz unvorstellbar, dass gut informierte Menschen Produkte kaufen, deren Herstellung mit unsäglichem Leid einhergeht?   Leider ist dies nicht ganz unvorstellbar. Während wir hoffen, dass eine über das Grauen in den KZ informierte Bevölkerung aufgehört haben würde, etwaige dort hergestellte Produkte zu konsumieren, wissen wir, dass die meisten über das Grauen in der Massentierhaltung informierten Personen fast unbeeindruckt fortfahren, die entsprechenden tierischen Produkte zu kaufen. Kaum jemand sagt, dass das, was uns Woche um Woche in Zeitungsartikeln und Fernsehsendungen berichtet und gezeigt wird, viel zu monströs ist, um glaubhaft zu sein. Niemand meint, dass es sich dabei um Propagandatricks überengagierter Tierrechtler handelt. Man weiß, dass die Bilder und Filme die Wirklichkeit zeigen. Dennoch halten die Allermeisten in ihren Konsumgewohnheiten fest und diktieren damit Milliarden Tieren unsägliche Strapazen und Schmerzen. Weshalb sich folgender Vergleich aufdrängt: Da es heute im Falle der Tiere eine konsumierende Komplizenschaft mit den Konsequenzen der Massentierhaltung gibt, ist nicht ausgeschlossen, dass über die Gräuel informierte Bevölkerungskreise aus Treblinka stammende Produkte konsumiert haben würden.
[Hinzugefügt am 7. Oktober 2014]






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