Sinn machen In einer Zeit, in der im deutschen Sprachraum nichts mehr
Sinn hat und kein Sinn mehr gestiftet wird, fällt es vielleicht umso
leichter, Sinn zu machen. Irgendwann begreift der Erwachsene, dass das
eigenen Leben keinen Sinn macht. Dies ist für gewöhnlich der Zeitpunkt,
zu dem sich bei ihm der Wunsch regt, gemeinsam mit dem Partner selbst
Sinn zu machen: ein Kind zu zeugen, das fortan als Sinnbehälter dient
und seinerseits als Erwachsener feststellen muss, dass das Leben keinen
Sinn macht... [Hinzugefügt 31. Januar 2012]
Lebensmantel Über das Leben wird häufig so geredet, als sei es ein
Mantel, der einem jeden von uns zu einem bestimmten Zeitpunkt geschenkt und
angezogen wurde und den wir, wenn er uns nicht mehr passt, ablegen können. Dieser Lebensmantel ist jedoch ein Kleidungsstück so besonderer Art,
dass er wohl nicht einmal für ein Märchen genug Stoff hergibt: Wer ihn nur ein
einziges Mal ablegt, dem ist nicht mehr zu helfen oder zu schaden, da er auf
immer verschwunden ist. [Hinzugefügt 3. Januar 2012]
Anton Raphael Mengs: Selbstporträt in rotem Mantel
Arzt und Patient im Bildschirmzeitalter Ohne zu grüßen, setzt sich der Orthopäde mit dem Rücken zum Patienten vor den Bildschirm und fragt: "Ja, wo sind Sie denn?" [Hinzugefügt 24.12.2011]
Jan Victors QUACKSALBER AUF DEM MARKT
Kadavergehorsam Unter Aufbietung einer Spur Paternalismus und der Hausmacht der Einladenden "einigte" sich die achtköpfige Gruppe rasch auf rein vegetarische Antipasti und bestellte. Nicht gering waren Erstaunen - und Erleichterung -, als der Küchenchef dennoch "gemischte" Antipasti servierte. Der einladenden Hausmacht ließ man nicht den Schatten einer Chance, die niemals bestellten fleischlastigen Platten zurückgehen zu lassen. Sofort meldeten sich bereitwillige Helfer, die den Skandal zwischen ihren omnivoren Kiefern zerkauten, um die Feier später als wandelnde Gräber zu verlassen. [Hinzugefügt 24.12.2011]
Organismen konstituieren Lebewesen In dem Moment, da ein Organismus Bewusstsein
erlangt, beginnt eine neue Entität zu existieren: ein Lebewesen. Der Organismus
hört damit jedoch nicht auf zu existieren. Ebenso wenig wie ein Marmorstück zu
existieren aufhört, wenn es eine Statue konstituiert. Ein Lebewesen und sein
Organismus stehen in demselben Verhältnis wie eine Marmorstatue und ein Stück
Marmor: Es handelt sich um die Relation der Konstitution. Wird ein Marmorstück
auf geeignete Weise in eine Kunstwelt einbezogen, so tritt eine neue Entität in
Existenz: eine Statue. Konstituiert ein Organismus ein Lebewesen, so hat der
Organismus die derivative Eigenschaft, ein Lebewesen zu sein (da er etwas
konstituiert, das auf nichtderivative Weise ein Lebewesen ist). Und das
Lebewesen hat die Eigenschaft, derivativ ein Organismus zu sein (da es von
etwas konstituiert wird, das auf nichtderivative Weise ein Organismus ist.
(In Anlehung an und abweichend von Lynn Rudder Baker, THE METAPHYSICS OF EVERYDAY LIFE, eingefügt am 13.12.2011)
Psychopronatalyse Merkwürdigerweise entwickeln die geschichtlich und biographisch
akkumulierten Leidzufügungen und Leiderfahrungen keine den
Fortzeugungszusammenhang sprengende Kraft. Hierin gründet die Notwendigkeit
einer Psychopronatalyse geradezu zwanghaft restringierter
(Selbst-)Wahrnehmungs- und Fortzeugungsmuster (Hinzugefügt 10.12.2011)
Ein Elementarteilchen trete aus dem "Nichts" in Existenz. Wird sich jemand melden und sagen: Dieses Elementarteilchen wurde durch den Beginn seiner Existenz affiziert, beeinflusst, verändert? Ein Lebewesen beginne zu existieren. Warum finden sich so viele Stimmen dahingehend, der Beginn seiner Existenz nutze oder schade dem betreffenden Lebewesen?
(Hinzugefügt 27.11.2011)
Rückbau unseres Energiehaushalts nach Atomkatastrophe?
Mancher mag insgeheim gehofft haben oder gar noch hoffen, dass es in Fukushima zum Schlimmsten kommt, damit endlich die Lehre gezogen wird, dass die Kernspaltung keine beherrschbare Energiequelle ist. Dieser Logik zufolge kommt es mit der Kernschmelze zum Abschmelzen technikgläubiger Widerstände gegen einen Rückbau unseres Energiehaushalts. Derartige Hoffnungen auf Einsicht aus Katastrophen dürften fehlgeleitet sein. Mochte man nach dem Kontrollverlust im Atomkraftwerk bei Harrisburg 1979 noch sagen, es war nicht schlimm genug gekommen, so trat sieben Jahre später in Tschernobyl der schlimmste Fall ein. Gleichwohl setzte keine Besinnung ein. Wer glaubt, ein noch viel schlimmeres atomares Unglück mit mehr Verstrahlten als 1986 werde eine Umkehr herbeiführen, wird sich schon bald getäuscht sehen. Das Gedächtnis ist kurz, Japan weit, das nächstgelegene Atomkraftwerk unauffällig oder gar unsichtbar: Unmittelbar nach der Freisetzung erheblicher Mengen an Radioaktivität in Fukushima führten Nachrichtensender Interviews mit Belgiern und Franzosen durch, die in unmittelbarer Nähre von AKW leben. Viele unter ihnen äußerten, sie hätten keine Probleme mit den so unauffälligen Kraftwerken.
[Hinzugefügt am 19. März 2011. Modifiziert am 21.3.2011]